Ausdauertraining für die Demokratie

Stabile Demokratien leben nicht vom schnellen Federstrich, sondern vom sorgfältig ausverhandelten Konsens. In ihrer Wiener Vorlesung plädiert die Autorin Solmaz Khorsand dafür, nicht immer nur auf die rasche Lösung zu setzen, sondern die Fähigkeit zur Analyse wieder zu schulen. Ein Gespräch über schillernde Möchtegern-Könige und humanistischen Widerstand an der Supermarkt-Kassa.

Ungeduld ist zum Grundrauschen der Gegenwart geworden. Die Aufmerksamkeitsspanne verkürzt sich. Probleme sollen möglichst schnell und einfach gelöst sein, am liebsten sofort. Effizienz und Lösungsorientiertheit sind gefragt. Diese Grundhaltung hat Konsequenzen – auch für die politischen Systeme, die zuletzt an Stabilität eingebüßt haben. Wie das zusammenhängt? „Demokratie ist ein Marathon, kein Sprint“, analysiert die in Wien lebende Journalistin Solmaz Khorsand: „Manchmal bedeutet Demokratie auch, sich langen und zuweilen auch langweiligen Prozessen zu unterwerfen“.

Wiener Vorlesungen:
Der Langstreckenlauf scheint nicht die Paradedisziplin des 21. Jahrhunderts zu sein. Warum ist das ein Problem für die Demokratie?
Solmaz Khorsand:
Wir überlassen damit den Populisten und den Autokraten das Feld, weil das das Spiel ist, das sie spielen. Sie bieten einfache Lösungen für komplexe Probleme. Denken Sie an Donald Trump, der mit einer einzigen Unterschrift alles mögliche erledigt – von Massenabschiebungen bis zum Austritt aus internationalen Organisationen. Das imponiert extrem vielen Leuten. Aber es bringt Demokraten unter Zugzwang, da man mit autoritären und autokratischen Kräften offenbar viel schneller zu einer Lösung kommt. Nur eben ohne demokratische Prozesse. Demokratie braucht Zeit, sie braucht Verhandlungen, sie braucht komplexe Prozesse – die sind nicht nur langwierig, sondern auch anstrengend. Demokratie ist eben kein Sprint, sondern ein Marathon.

Sie warnen vor „Schnellschüssen autoritärer Möchtegernkönige“. Ist diese Sehnsucht nach einfachen Lösungen neu oder haben wir sie zumindest in Europa nur gut zivilisiert in den vergangenen Jahrzehnten?
Der jährliche Demokratie-Monitor zeigt, dass es immer einen beträchtlichen Teil in einer demokratischen Bevölkerung wie der österreichischen gibt, die diesen starken Führer wollen – mit dem Zusatz, dass er ohne Parlament und ohne Wahlen bestimmt wird. Die glorifizieren diese antidemokratischen Figuren, die im Alleingang entscheiden. Aber das entspricht nicht unserer demokratischen Realität. Die zeigt nämlich, dass wir immer mehr Parteien im Parlament haben – die eine Vielzahl von Interessen repräsentieren, was ja wünschenswert ist – und damit aber Regierungen aus mehr als nur zwei Partnern bestehen, wie das in der Vergangenheit der Fall war. Dass sind vielschichtige und anstrengende Prozesse, die eine Gesellschaft erst erlernen muss – natürlich sehnen sich dann viele zurück in eine Zeit, als es nur zwei Blöcke gab. Oder sie gehen sogar so weit, dass sie sich nur einen „Entscheider“ wünschen.

Da geht also eine demokratiepolitische Schere auf: die politische Landschaft wird analog zur Gesellschaft vielfältiger, gleichzeitig steigt das Bedürfnis nach schellen, einfachen Lösungen…
…aber anstatt uns auf die neue Realität einzustellen, predigen wir das andere. Weil uns Populisten in Zugzwang bringen. Das sieht man in allen Diskursen. Auch im Journalismus sehe ich diesen Trend: Dass wir nicht an Themen dranbleiben, auf schnelle Ergebnisse und Schlagzeilen schielen, statt gesellschaftliche und politische Entwicklungen nachhaltig zu verfolgen.

Was ist generell schlecht an schnellen Entscheidungen?
Grundsätzlich gar nichts, wenn sie wohl überlegt sind. Dauerhaft halte ich sie allerdings für die Politik in vielen Bereichen für nicht gut. Demokratie braucht einfach Zeit, weil Nachdenken Zeit braucht. Aber wir sind keine Gesellschaft, die das Denken als Königsdisziplin ansieht. Das Analysieren hat keinen Wert mehr. Das zeigt sich etwa an der Lesefähigkeit. Hirnforscher haben gezeigt, wenn Leute sich abgewöhnen, lange Texte zu lesen, verlernen sie auch das analytische Denken. Und das ist demokratiepolitisch gefährlich. Eine Bevölkerung, die nicht mehr imstande ist, an langen Texten dran zu bleiben und dementsprechend auch der Politik auf die Finger zu schauen, ist sehr anfällig für jede Form von autokratischen Verführungen.

Sie beschäftigen sich mit demokratischen Institutionen in Europa, sind aber auch viel auf Reisen. Wie hat das Ihren Blick verändert?

Vielleicht bin härter gegenüber der Demokratie hier geworden – vor allem der Bevölkerung gegenüber. Einerseits ist es schön, dass Menschen hier ihr Leben leben können, ohne sich permanent um ihre Freiheit und ihre Menschenrechte Sorgen zu machen. Wobei das nicht alle Schichten betrifft. Diskriminierte und marginalisierte Gruppen tun das tagtäglich in Österreich, in Deutschland und in der Schweiz. Aber grundsätzlich ist es beschämend, dass wir uns des Wertes von demokratischen Institutionen nicht bewusst sind. Dass zu viele, satte und ignorante Menschen diese Institutionen zerstören wollen, die über Jahrzehnte aufgebaut worden sind, und einen friedlichen und zivilisierten Umgang miteinander ermöglichen.

Welche Rolle spielt der Journalismus dabei?
Die Rolle des Journalismus ist komplex. Ich kann nur über den deutschsprachigen Raum sprechen, aber da sehe ich zwei extreme Entwicklungen. Auf der einen Seite ist man sehr arrogant und erklärt die Welt von oben herab – vor allem in Deutschland. Andererseits gibt es diese Formate, die sagen, wir müssen kurz sein, ein junges Publikum erreichen, Videos machen, zu schlechteren Influencern werden. In der Annahme, dass das Publikum das will. Man muss aber auch einmal das Publikum ignorieren. Oder besser: ihm auch öfter etwas zutrauen wollen. Gewisse Themen müssen einfach gemacht werden. Natürlich findet es niemanden interessant, das Wahlmänner-System in den USA zum 100.000. Mal zu erklären. Aber man muss es, damit man versteht, warum diese Demokratie so im Keller ist.

In Ihrem 2024 erschienenen Buch „untertan. Von braven und rebellischen Lemmingen“ haben Sie sich mit Widerstand beschäftigt. Gibt es den noch?
Bei Widerstand geht es darum, den Blick zu schärfen, was Widerstand alles sein kann. Es muss nicht immer die große Geste, die große Rebellion sein. Nehmen Sie die Supermarktkassiererin, die sich mit der älteren Kundin unterhält an der Kasse. Und die Schlange hinter ihr immer länger wird. Ich sehe das immer wieder – und freue mich. Es ist ein extrem rebellischen Akt. Sie wehrt sich einerseits gegen ihren Arbeitgeber, schnell und effizient zu sein. Andererseits liefert sie einen Akt des Humanismus, weil sie weiß, dass das der Kundin extrem viel bedeutet. Dass sie sich kurz unterhalten und plaudern kann. Aus einer menschlichen Perspektive ist das enorm viel wert.

Welche Anregung, welchen Gedanken würden Sie Besuchern der Wiener Vorlesung gerne mit auf den Weg geben?
Dass sie geduldiger mit sich selbst und mit anderen sind. Das ist auch eine Form von Gnade – sich selbst gegenüber und anderen. Nur weil heute etwas nicht geklappt hat, bedeutet das nicht, dass es morgen nicht klappt. Es ist nie zu spät, eine andere Richtung einzuschlagen. Doch um Dinge zu verändern, müssen wir aus diesem Schwarz-Weiß der Endgültigkeit herauskommen. Gerade viele junge Menschen haben das Gefühl, dass manche Dinge unumkehrbar sind. Das würde ich gerne aufbrechen. Es lohnt, Ausdauer zu beweisen, dran zu bleiben, Dinge zu analysieren, nicht auf die schnelle Lösung zu schielen. Und generell plädiere ich immer für mehr Wärme. Ich wünsche mir, dass sie emotional wärmer wird, diese Welt. Dass diese Kälte und Respektlosigkeit abnehmen, die zu viele Menschen haben.

Verfasst von Judith Belfkih / Wiener Vorlesungen

Informationen zur Veranstaltung:
Wiener Vorlesung, 27.01.2026

Solmaz Khorsand


© Luiza Puiu