„Die Zeit heilt im Fall Auschwitz keine Wunden“
Eva Umlauf ist eine der letzten Überlebenden des Holocaust. In Büchern und Vorträgen setzt sich die 83-Jährige unermüdlich dafür ein, dass die Schrecken der NS-Herrschaft nicht in Vergessenheit geraten.
Ihre Wiener Vorlesung ist ein Appell an die Jugend, der sie bewusst machen will, was wir verlieren, wenn sich undemokratische Kräfte durchsetzen..
Eine defekte Lokomotive hat Eva Umlauf das Leben gerettet. Das war Anfang November 1944, als sie mit ihrer Familie aus der Slowakei nach Polen gebracht wurde – ins Konzentrationslager Auschwitz. „Es war der letzte Transport aus der Slowakei nach Auschwitz“, erzählt Eva Umlauf im Gespräch, „dort hat man bis Ende Oktober 1944 Menschen vergast. Dann hat man versucht, die Spuren zu verwischen, weil man schon hörte, dass die Rote Armee sich nähert. Als die Lokomotive kaputt ging, haben wir uns um drei Tage verspätet. Das hat uns das Leben gerettet.“
Eva Umlauf ist eine der letzten Zeitzeug:innen des Holocaust. Ende Dezember 1942 in einem slowakischen Arbeitslager geboren, war sie knapp zwei Jahre alt, als sie mit ihrer schwangeren Mutter in das Vernichtungslager Auschwitz gebracht wurde, das ein paar Monate später, im Jänner 1945, befreit wurde. „Natürlich habe ich keine bewussten Erinnerungen an diese Zeit. Aber die Folgen von Auschwitz, die hat man in unserer Familie immer gespürt. Wir hatten keinen Vater, wir hatten eine ganze Menge an Verwandtschaft verloren, praktisch alle. Meine Mutter war die Einzige, die überlebt hat. Sie war mit 21 Jahren Witwe mit zwei kleinen Kindern, schwer traumatisiert, ohne den Schutz einer Familie und ohne richtigen Beruf, weil man ja nicht in die Schule gehen durfte.“
„Wir haben nicht gefragt und trotzdem alles gewusst“
Die Schrecken des Holocaust waren in dieser „amputierten Familie“, wie Umlauf es nennt, allgegenwärtig: „Das hinterlässt Spuren. Wir hatten kein Frageverbot zu Hause. Aber wir haben trotzdem nicht gefragt, weil wir gespürt haben, dass wir etwas anrühren, bei dem unsere Mutter Tränen in den Augen hat. Und diese Tränen wollten wir nicht. Wir wollten keine weinende Mutter haben. Und dann haben wir auch nicht gefragt und trotzdem alles gewusst.“
Auch die blaue Tätowierung mit der Häftlingsnummer aus Auschwitz begleitet Eva Umlauf durch ihre Kindheit: „Ich habe lange gedacht, dass alle eine Nummer auf dem Unterarm haben, meine Mutter hatte ja auch eine. Erst später aber habe ich verstanden, was diese Nummer bedeutet.“
Heute lebt die langjährige Kinderärztin und Psychotherapeutin in Bayern, hat drei erwachsene Söhne und betreibt nach wie vor eine Praxis für psychotherapeutische Medizin in München. In ihrem ersten Buch „Die Nummer auf deinem Unterarm ist blau wie deine Augen“ hat Eva Umlauf ihre Familiengeschichte erzählt. Ihre neue Publikation „Genau so fängt es an“, heuer im März erschienen, beschäftigt sich mit dem Erstarken des Antisemitismus in Deutschland und ist ein eindringlicher Appell, die historischen Parallelen nicht nur zu erkennen, sondern auch aktiv gegen sie anzugehen. Dieses neue Buch steht auch im Zentrum von Eva Umlaufs Wiener Vorlesung.
„Diese Parallelen machen Angst“
Aktuell sieht Eva Umlauf starke Parallelen zur Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. „Das macht mir Angst, dass es wieder ähnlich verlaufen könnte.“ Als beunruhigend ähnlich beschreibt die Ärztin vor allem die aktuelle andauernde Wirtschaftskrise und den spürbaren Rechtsruck in vielen Staaten und Regierungen.
In Deutschland bereitet ihr konkret der Aufstieg der AfD Sorgen: „Wir wissen schon, dass das eine undemokratische Partei ist. Wir wissen, dass sie Antisemitismus und Rassismus unterstützt. Sie ist klar gegen Migration, wollte schon die sogenannte Remigration umsetzen und Menschen in ihre Herkunftsländer zurückschicken. Das macht mir Angst, das macht uns Jüdinnen und Juden Angst. Eine Situation wie diese ist nach wie vor lebendig in unseren Familien.“
„Die eigenen Toten werden nicht vergessen“
So präsent die NS-Zeit in der jüdischen Gemeinschaft ist, in vielen Teilen der Gesellschaft schwindet das Bewusstsein für die Schrecken des Holocaust. „Das ist natürlich etwas, das die Zeit macht. Und wir Überlebende versuchen, irgendwie festzuhalten an der Erinnerung. Kollektiv wird das vielleicht nicht mehr so wahnsinnig lange vorhanden sein, aber in den Familien schon. Die eigenen Toten werden nicht vergessen. Es gibt diesen Satz, dem ich nur zustimmen kann: Die Zeit heilt im Fall Auschwitz keine Wunden.“
„Neben der Erinnerung schwindet auch das Geschichtsbewusstsein“, analysiert sie, „es gibt etwa in Bayern immer weniger Geschichtsunterricht und oft können Lehrer frei entscheiden, was sie da unterrichten.“ Eva Umlauf engagiert sich seit Jahren aktiv, um genau dieses Vergessen einzubremsen. Sie besucht Schulen, liest aus ihren Büchern, erzählt die unfassbare Geschichte ihrer Familie. Die Nachfrage ist derart groß, dass sie die Anfragen gar nicht alle bewältigen kann. Sie engagiert sich auch international, ist seit 2025 Präsidentin des Internationalen Auschwitz Komitees.
In ihrem Buch „Genau so fängt es an“ fordert Eva Umlauf die Politik auf, aktiv zu werden und die Demokratie vor undemokratischen Kräften besser zu schützen. „Man kann viel und wenig tun“, resümiert die Ärztin. Ihre Hoffnung liegt in der Jugend: „Junge Leute müssen sich bewusst werden, was sie zu verlieren haben, wenn sie eine undemokratische Partei wählen. Man ist immer wieder erstaunt, wenn man die Statistiken sieht, dass auch junge Menschen, die keinen Krieg erlebt haben und wenig Geschichtsunterricht kriegen, tatsächlich die AfD wählen.“
„Schweigen ist feige“
Was kann eine einzelne Person tun? „Das muss natürlich jede und jeder für sich entscheiden. Nur wenn man nichts tut, hat man schon verloren. Was man tun kann? Widersprechen, wenn entsprechende Äußerungen fallen, historische Fakten richtigstellen, Geschehnisse einordnen. Man kann sich in vielen kleinen Schritten für die Demokratie einsetzen.“ Neben dem Vergessen sieht Eva Umlauf im Schweigen das größte Problem: „Schweigen ist Zustimmen. Das war auch in der NS-Zeit so, als die Nachbarn verschwunden sind und man geschwiegen hat. Schweigen ist feige. Es muss Menschen bewusst werden, dass man den Mund aufmachen kann.“
Trotz aller beunruhigender Parallelen ist Eva Umlauf optimistisch, setzt auf eine neue Generation. Es sind die kleinen Dinge, die zuversichtlich machen: „Wenn ich Briefe kriege von Zuhörerinnen und Zuhörern, auch von ganz jungen. Ich bin im Grunde ein sehr positiver Mensch. Und wenn ich jetzt aufgeben würde? Das ist keine Option!“
Was sie dem Publikum mit ihrer Wiener Vorlesung mitgeben will, ist für Eva Umlauf ganz klar: „Dass sie sich für die Demokratie einsetzen. Das ist die Botschaft. Dass sie demokratische Formen unterstützen, weil die Demokratie sehr fragil ist. Man verliert sehr schnell etwas. Aber dieses Verlorene wiederzugewinnen – das geht sehr viel langsamer.“
Verfasst von Judith Belfkih / Wiener Vorlesungen
Informationen zur Veranstaltung:
Wiener Vorlesung, 11.05.2026

Eva Umlauf

Fotocredit: Springer-Medizin-Verlag-GmbH-Sophie-Linckersdorff































