„Ich habe auch das Fürchten gelernt“

Mit einer Gruppe von Studierenden hat Sprachwissenschafterin Fatima Naqvi ein Experiment begonnen. An der US-Elite-Universität Yale ließ sie Texte von Thomas Bernhard mit Künstlicher Intelligenz untersuchen. Über ihre Erkenntnisse daraus spricht sie in ihrer Wiener Vorlesung. Sie ist überzeugt: „Die Pädagogik muss sich angesichts dieser Technologie zur Gänze umstellen.“

Begonnen hat alles mit einem Vorurteil – und einer Art Spaltung in der renommierten US-Universität. Fatima Naqvi war aufgefallen, dass das Kollegium in Yale dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) sehr skeptisch bis geringschätzig gegenüberstand. „Ich nehme mich da gar nicht aus“, erzählt die Germanistik-Professorin im Interview. Auf der anderen Seite war ihr klar geworden, dass sich der Einsatz dieser digitalen Tools flächendeckend unter den Studierenden durchgesetzt hatte. Statt die Technologie zu verteufeln, wurde Naqvi neugierig, wollte „ausloten, was die KI in der Literaturwissenschaft leisten kann, wie sie Forschung und Lehre verändert“.

Für ihr Projekt „Die Stimmenimitatoren“ versammelte die Professorin eine Gruppe von Studierenden in höheren Semestern um sich, die zumindest eine von zwei Leidenschaften teilen: für die Arbeit mit KI-Modellen oder für die Literatur von Thomas Bernhard. Die Texte des österreichischen Schriftstellers sind Naqvi nicht nur besonders vertraut, sie hält sie ob ihrer sprachlichen Prägnanz auch für Textanalysen besonders geeignet – analog wie digital. Anhand von Bernhards Kurztextsammlung „Der Stimmenimitator“ ließ Naqvi die Studierenden mit eigenen und mit KI-Analysen experimentieren. Durchaus augenzwinkernd: „Schon der Titel liefert ja eine Allegorie darauf, wie KI funktioniert.“ Naqvi ließ die Studierenden Bernhards Texte analog lesen und analysieren – und bat sie dann, KI hinzuzuziehen und die Veränderung ihrer Ergebnisse zu dokumentieren sowie zu bewerten. Über die bisherigen Resultate dieses Projektes spricht sie in ihrer Wiener Vorlesung.

Die erste Erkenntnis hat Naqvi selbst überrascht: „Diese KI kann ganz schön viel! Und sie führt dazu, dass wir uns ganz genau überlegen müssen, was unsere Anforderungen an Studierende sind – und wie wir sie künftig unterrichten. Die Pädagogik muss sich angesichts dieser Technologie zur Gänze umstellen.“

Im Fokus von Naqvis Interesse steht dabei weniger die computergestützte Forschung selbst: „Das Durchleuchten von Datenmengen in der Forschung passiert ja längst.“ Naqvi ging es um die Konsequenzen für den Lehrbetrieb: „Wir können von den Studierenden nicht weiterhin verlangen, dass sie Seminararbeiten wie bisher produzieren.“ Für die Forscherin war es aber auch wichtig, „mich dieser Angst zu stellen, was die KI kann und was sie für uns Germanistinnen und Germanisten bedeuten könnte. Und ich muss sagen, ich habe auch das Fürchten gelernt. Es ist unglaublich, was sie jetzt kann – was vor eineinhalb Jahren nicht möglich war.“

Bewerten will Naqvi die fortschreitende Technologisierung nicht, sondern „überlegen, wie kann ich mit dieser Realität umgehen“. Noch läuft das Bernhard-Projekt und ist daher noch nicht fertig ausgewertet, erste Einsichten hat Fatima Naqvi dennoch gewonnen: „Wir wissen nicht genug darüber, wie die Arbeit mit KI das Denken tatsächlich auch auf physiologischer Ebene verändert. Aber wir wissen, dass es geschieht. Und wir wissen nicht, ob diese anderen Wege, die KI uns anbietet, einfach anfängliche Abkürzungen sind, die uns dann zu einem höheren intellektuellen Niveau führen. Oder ob wir durch diese Abkürzungen schon am Anfang wirkliche Denkfähigkeiten verlieren.“

Fatima Naqvi formuliert damit eine Sorge, die auch Neurolog*innen teilen: „Einige von ihnen schlagen bereits Alarm. Sie gehen davon aus, dass sich, wenn diese harte Knochenarbeit, die wir noch in der Schule gelernt haben, nicht mehr geleistet wird, tatsächlich etwas im Gehirn verändert, dass da etwas unwiederbringlich weg ist.“

Dass diese Folgen nicht abzuschätzen sind, lässt Naqvi zu Vorsicht mahnen: „Wir haben uns hineingestürzt in dieses Experiment mit sozialen Medien, mit einer totalen Digitalisierung unserer Alltagskultur und unserer Lernkultur, ohne wirklich gründlich darüber nachzudenken, was es bedeutet. Wir haben es einfach akzeptiert.“ Hat die Forscherin aus ihrer Praxis einen Verdacht, welche Fähigkeiten Studierende durch die Arbeit mit KI konkret einbüßen? „Das synthetische Denken – dass man tatsächlich Sachen auf den Punkt bringen oder zusammenfassen muss, dass man die wichtigsten Takeaways schnell herausdestillieren kann. Das wird tatsächlich viel schwieriger, wenn man es nicht schult.“ Auf der Strecke bleibt damit aber nicht nur eine bloße Fertigkeit. Auch die Lust am Denken, die Freude an Erkenntnis kann so nicht entstehen.

Die Universität Yale hat keine allgemeinen Richtlinien, wie mit KI in der Lehre umzugehen ist. Dennoch haben viele von Naqvis Kolleg*innen bereits reagiert, halten Prüfungen nur noch einzeln und mündlich ab oder lassen sie ganz analog mit der Hand schreiben. Auch Naqvi hat umzustellen begonnen – was in den USA bereits ein Problem für viele Studierende ist: „Hier wurde schon vor vielen Jahren in Schulen auf das Tippen umgestellt. Für jüngere Jahrgänge ist es sehr, sehr schwierig, mit der Hand zu schreiben.“

Die aktuelle Administration macht den kritischen Umgang mit KI nicht einfacher, so die Professorin: „Da diese Regierung nicht viel davon hält, ihre Staatsbürgerinnen und Staatsbürger vor unbekannten Gefahren zu schützen, ist die KI total entfesselt. Das ist tatsächlich irgendwie der Wilde Westen.“ Mehr noch: Naqvi beobachtet unter Kolleg*innen einen „vorauseilenden Gehorsam, KI großflächig überall im universitären Alltag einzubauen. Die Folgen davon können wir gar nicht abschätzen.“

Ist ein Ziel ihres Projektes also auch, die Kollegenschaft zu sensibilisieren?
„Auf jeden Fall. Ich wollte mich ja auch meiner eigenen Angst und Unwissenheit stellen – und habe mir deshalb Digital Natives mit in das Projekt geholt, um diese Veränderungen besser zu verstehen.“

Gab es auch positive Erkenntnisse?
„Es gibt einige, die der KI gegenüber total ablehnend in dieses Experiment hineingegangen sind. Manche von ihnen waren erstaunt darüber, dass KI ihnen eine Art Partnerin war, dass es da etwas Dialogisches gab in dieser extremen Einsamkeit von Forschung, eine Möglichkeit, über Schreibblockaden hinweg- oder aus Denksackgassen herauszukommen.“

Auch wenn das aktuelle Projekt zu Bernhards „Stimmenimitator“ demnächst ausläuft, wird Fatima Naqvi am Thema dranbleiben, will sich dafür einsetzen, dass sich auch Kolleg*innen vermehrt mit dem Thema auseinandersetzen: „Sich kritisch damit zu beschäftigen, ist eindeutig besser als KI zu verteufeln und zu verbieten. Diese Methoden sind unsere Realität, wir müssen uns damit befassen – gemeinsam mit den Studierenden.“
Auch mit ihrer Wiener Vorlesung will Fatima Naqvi Besucher*innen zur Beschäftigung mit diesem Thema anregen: „Wir dürfen KI nicht unterschätzen – und müssen sie mit Vorsicht beobachten, damit wir diese Begeisterung für das Abkürzen ganzer Arbeitsprozesse nicht einfach unreflektiert übernehmen.“

Verfasst von Judith Belfkih / Wiener Vorlesungen

Informationen zur Veranstaltung:
Wiener Vorlesung, 4.03.2026

Fatima Naqvi

Fotocredit: Maria Lavitt