Vom Hochwasserschutz zum vielfältigen Stadtraum

Mit ihren 21 Kilometern Länge ist die Donauinsel heute einer der wichtigsten Erholungsräume Wiens – doch ihre Entstehung war ursprünglich rein wasserbaulich motiviert. Martina Nußbaumer hat für das Wien Museum eine Ausstellung zur legendären schmalen Insel mitgestaltet.
Ein Gespräch anlässlich einer Wiener Vorlesung über die historische Entwicklung und die heutige Nutzung dieses vielfältigen sozialen Raumes.

Dass Wien an der schönen blauen Donau liegt, ist von jeher auch ein Problem. Denn wie jeder Fluss trägt auch die Donau die Gefahr von Hochwassern in sich – daran hatte auch die Regulierung des Flussbettes um 1870 nichts geändert. Wie es jedoch dazu kam, dass aus einem nüchternen Hochwasserschutzprojekt entlang des Stromes ein heiß geliebtes Grill-, Sport-, Festival- und Nacktbade-Paradies wurde, damit haben sich die Kulturwissenschafterin Martina Nußbaumer vom Wien Museum und Co-Kuratorin Ulrike Krippner vom Institut für Landschaftsarchitektur der Universität für Bodenkultur Wien in den vergangenen Monaten intensiv beschäftigt.

Wiener Vorlesungen:
Martina Nußbaumer, was gab den Anstoß, über den Bau der Donauinsel nachzudenken?

Martina Nußbaumer:
Das alte Überschwemmungsgebiet, auf dem sich heute die Neue Donau und die Donauinsel befinden, entstand im Zuge der ersten Donauregulierung in den 1870er Jahren. Damals machte man diesen Donaudurchstich und legte parallel zum Flussbett dieses Überschwemmungsgebiet an. Die Donau, die zu dieser Zeit ein mäandernder Fluss war, wurde damit ins heutige Strombett gepresst. Es war aber schon bald nach dieser ersten Regulierung klar, dass das nicht ausreichen würde. Es kam immer wieder zu Überschwemmungen. Den Ausschlag für die konkrete Planung gab dann das Hochwasser von 1954, bei dem auch Stadtgebiet überschwemmt wurde.

Wie wurde das Überschwemmungsgebiet bis dahin genutzt?
Es war zwar nicht als Freizeitareal gedacht, aber die Wienerinnen und Wiener haben es sich früh angeeignet – für ganz unterschiedliche Zwecke. Da wurden Kühe geweidet, Rebhühner und Hasen gejagt. Man hat natürlich gebadet und gepicknickt. Es gab im Norden in den 1920er Jahren sogar einen kleinen Flughafen mit Linienflügen nach Budapest. Und es war ein Areal, auf dem es auch viele Feste gefeiert wurden .

Als dann in den 1960ern die Bagger kamen, waren also nicht alle glücklich?
Viele waren schon sehr traurig. Die jetzige Ausbaustufe ist ja eine, die erst wachsen musste. Man begann zuerst, ein Flussbett auszubaggern für den Fall eines Hochwassers. Was man auf der Insel mit dem Aushubmaterial in der Mitte machen sollte, war lange nicht klar. Das Projekt war ursprünglich ein rein wasserbautechnisches.

Es wurde dann erst parallel zu diesen Bauarbeiten ein Wettbewerb ausgeschrieben, um zu entscheiden, was mit dieser künstlichen Insel geschehen sollte?
Das war ein Vier-Jahres-Wettbewerb. In der ersten Stufe gab es rund 45 Beiträge. Interessant ist, dass die meisten davon eine Bebauung vorgeschlagen haben, vor allem in der Inselmitte – mit Wohnhäusern, einem Zentralbahnhof oder auch einem Truppenübungsplatz für das Bundesheer. Es gab sehr viele Ideen. Das Motto des Wettbewerbs war „Wien an die Donau“ und sollte dazu dienen, die zwei Teile der Stadt zu verbinden.

Wie hat sich letztlich ein reines Erholungsgebiet durchgesetzt?
Es war ein sehr teures Projekt. herrschte natürlich auch die Sorge, wie das die Bevölkerung aufnehmen würde. Die Aussicht, einen konsumfreien und frei zugänglichen Grünraum zu bekommen, hat sicher zur Akzeptanz beigetragen. Uns hat ein Baustelleninspizient erzählt, dass Leute schon neben den Baggern gebadet haben. Es gab also schon während der Bauphase eine Akzeptanz – eine Form der Aneignung.

Heute wird die Insel sehr unterschiedlich genutzt – für Sport und Erholung, für Feste und zum Grillen. Welche Nutzung hat Sie am meisten überrascht?
Was ich an der Donauinsel faszinierend finde, ist diese Vielfalt der Nutzungen. Es gibt wenige Orte in Wien, die von so vielen verschiedenen Bevölkerungsgruppen und Altersgruppen unterschiedlicher sozialer, nationaler Herkunft parallel genutzt werden wie die Donauinsel. Schon aufgrund ihrer schieren Länge bietet sie einfach Platz für alle – und ist bis heute weitgehend konsumfrei zugänglich. An heißen Sommertagen nutzen die Insel rund 200.000 Menschen täglich – und das weitgehend konfliktfrei.

Mit dem Bau der Donauinsel wurden etliche Infrastrukturprojekte vorangetrieben. Was hat die Insel alles angestoßen?
Da ist einiges parallel passiert – von der Donauuferautobahn über Infrastruktur für die Abwasseraufbereitung bis hin zur U-Bahn-Linie U1, die verlängert wurde. Auch die Möglichkeit zur Grundwassergewinnung wurde etabliert und ausgebaut. Und natürlich wurde ganz viel Verkehrs- und Brückeninfrastruktur angelegt.

Die Donauinsel wirkt heute wie ein Naturraum – und doch ist jeder Baum bewusst gepflanzt, jeder Zentimeter geplant. Was für ein Biotop ist das heute?
In der ersten Wettbewerbsphase waren ja nur Architekturbüros beteiligt, erst in der zweiten Phase kamen auch Landschaftsplaner:innen dazu, die sich sehr genau überlegt haben, wie geht man mit der Geländemodellierung um, wie integriert man bestehende Auwald-Reste, wie schafft man da eine abwechslungsreiche Struktur. Hier sind ja alle 1,8 Millionen Bäume, die bis 1988 gepflanzt wurden, und jeder Strauch gezielt geplant. Gerade im Süden hat man versucht, mit der Bepflanzung auf das zu reagieren, was vorher dort wuchs. Was nicht leicht war, da die Donauinsel viel höher liegt als der Grundwasserspiegel. Daher müssen auch alle neu angelegten Gewässerbiotope auf der Donauinsel künstlich bewässert werden.

Der Hochwasserschutz hat bisher gehalten. Hat sich die Insel hinsichtlich der sozialen Nutzung von den ursprünglichen Vorstellungen entfernt?
Als das Projekt 1969 beschlossen wurde, hätte sich niemand diese heutige Nutzung vorstellen können. Selbst nicht, als die Donauinsel 1988 offiziell fertiggestellt wurde. Damals hatte Wien den niedrigsten Bevölkerungsstand im 20. Jahrhundert mit knapp unter 1,5 Millionen. Seitdem ist die Stadt um eine halbe Million Einwohner:innen gewachsen – vor allem die Stadtviertel, die an die Donauufer grenzen. Das hat den Nutzungsdruck massiv verstärkt.

Gibt es aktuell Pläne, hier strukturell noch etwas zu adaptieren?
Die Donauinsel ist ja nie fertig, es wird laufend adaptiert. Einerseits baulich an neue Freizeiterfordernisse – es gibt dazu ständig Anpassungen an den Klimawandel in Sachen Bepflanzung, auch neue Teiche sind zuletzt angelegt worden. Und es gibt ein intensives Management der Flächen durch die MA 45, da ist ja wirklich jeder Quadratmeter gepflegt. Da existieren genaue Mähpläne, die man auf ökologische Anfordernisse und Nutzungsinteressen abstimmen muss. Also ökologisch ist es gut, wenn die Wiese hoch steht, aber beim Baden möchte man natürlich eine gut gemähte Wiese, wo man seine Decke ausbreiten kann.

Haben Sie einen Lieblingsort auf der Donauinsel?
Was mich immer fasziniert hat, ist diese Vielfalt der Nutzung – dass man das Gefühl hat, man ist einerseits in der Natur und andererseits hat man die ganze Präsenz der Stadt an einem Ort. Ich persönlich mag die Endpunkte besonders gerne – von denen man ins Weite sieht.

Verfasst von Judith Belfkih / Wiener Vorlesungen

Informationen zur Veranstaltung:
Wiener Vorlesung, 8.04.2026

Martina Nußbaumer


Fotocredit: Klaus Pichler